16.03.2011

Gesundheitsrisiko ländlicher Raum? – Experten diskutieren

Dieses Thema verdient Aufmerksamkeit

Wenn ein Kind lebensbedrohlich erkrankt, einen schweren Unfall erleidet oder in Folge einer Frühgeburt dauerhaft mit Problemen zu kämpfen hat, ändert sich das Leben der ganzen Familie. Zum bisher schon ausgefüllten Familienalltag kommen viele innere und äußere Belastungen hinzu. Diese hoch belasteten Familien brauchen eine umfangreiche Unterstützung, die neben einer guten medizinisch-pflegerischen Versorgung auch alltagspraktische und psychosoziale Hilfen umfasst. Zusätzlich erschwert wird die Situation dann, wenn die Familien im ländlichen Raum leben. "Dieses Thema verdient unsere Aufmerksamkeit", sagte Dr. Berthold Broll, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Liebenau zur Begrüßung.

Familien regelrecht traumatisiert

Am Beispiel von Frühgeborenen stellte Prof. Dr. med. Christian Poets, Ärztlicher Direktor der Neonatologie der Uniklinik Tübingen, die Situation der Familien dar. Die Familien würden während des Klinikaufenthalts von zwei bis zu mehr als vier Monaten auseinandergerissen. "Viele Familien sind regelrecht traumatisiert", so Poets. Wird das Kind entlassen, blieben die Familien mit ihren Ängsten und Unsicherheiten vielfach allein, weil die Kriterien für weitere Hilfen zu eng seien. "Hier muss sich etwas ändern", so Poets.

Kostenträger müssen enger zusammenarbeiten

"Die unterschiedlichen Gesetze bei Krankheit, Behinderung oder Pflege sind nicht aufeinander abgestimmt", kritisierte Christoph Gräf vom Netzwerk Familie der Stiftung Liebenau. Hier müssten die unterschiedlichen Kostenträger enger zusammenarbeiten, um eine bestmögliche Versorgung sicherzustellen. Besonders am Herzen liegt Gräf, dass die besonderen Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden. "Die Kinder sollen eine unbeschwerte Kindheit erfahren können", so seine Ansicht. Dazu gehöre auch, dass Eltern und Geschwisterkinder entlastet würden. Als Problem für die Versorgung im ländlichen Raum zeigte er auf, dass eine kostendeckende Versorgung nicht möglich sei. "Wir fahren für einen Hausbesuch bis zu 50 Kilometer einfache Strecke, was von den Kassen nicht übernommen wird. Wir würden uns wünschen, dass dies entsprechend honoriert wird."

Hoher Kostendruck und Pflegenotstand

"Es ist eine Frage der Zeit, wie lange wir diesem Kostendruck noch standhalten und unser Versorgungsangebot aufrecht erhalten können", ergänzte Wolfgang Jauch, Geschäftsführer der Kirchlichen Sozialstation Ravensburg und Initiator von "akrobat", dem Arbeitsgemeinschaft Kinderkrankenpflege Region Oberschwaben, Bodensee, Allgäu. Ein weiterer Knackpunkt sei der Pflegenotstand, der vor der Kinderkrankenpflege leider nicht Halt mache.

Dr. Andreas Artlich, Chefarzt der Ravensburger Kinderklinik unterstrich die Notwendigkeit einer lückenlosen und abgestimmten Versorgungskette, von den Universitätskliniken über die regionalen Krankenhäuser bis hin zur häuslichen Kinderkrankenpflege. "Hier gibt es Optimierungsbedarf", so Artlich.

Nachsorge: ein Teil der Versorgung

Ein solches Glied in der Versorgungskette sieht Frank Winkler, der Stellvertretende Leiter des Verbandes der Ersatzkassen in Baden-Württemberg in der Sozialmedizinischen Nachsorge. "Wir haben deshalb für die Region Bodensee-Oberschwaben im Oktober 2010 eine Vereinbarung getroffen", so Winkler. Grundlage hierfür ist ein Kooperationsvertrag zwischen der Oberschwabenklinik und der Stiftung Liebenau.

Mit Blick auf die Zukunft regte Winkler an, sogenannte Gesundheitskonferenzen in den heimischen Landkreisen zu installieren. In dem Verbund aus Akteuren aus Gesundheit, Sozialem, Bildung und Wirtschaft gelte es ein Netzwerk zu knüpfen, damit die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung in allen Lebensphasen gesichert sei.

 
 


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Die Versorgungskette für Familien mit Frühchen oder chronisch und lebenslimitiert kranken Kindern muss lückenlos abgestimmt sein: vom Aufenthalt in einer Uniklinik oder in einem regionalen Krankenhaus bis hin zur Nachsorge auf dem Weg nach Hause und der mobilen Kinderkrankenpflege. Außerdem müssen die Dienste die gesamte Familie im Blick haben.