Bilanz der Fachforen: "Ein ganzer Blumenstrauß an Hilfen"

LIEBENAU - "Was brauchen Kinder und Jugendliche, um gut ins Leben hinein zu kommen?" Dem Thema stellten sich beim Fachtag "Identitätsentwicklung und -krisen bei jungen Menschen mit Intelligenzminderung" rund 100 Teilnehmer, darunter Fachleute der Stiftung Liebenau und ihrer Gesellschaften sowie externer Einrichtungen, aber auch Eltern von Kindern mit Behinderung.

Von frühen Hilfen über Pflegefamilien bis zur Psychiatrie

Zum Tagungsprogramm gehörten am Vormittag zwei wissenschaftliche Referate ebenso wie sechs verschiedene Workshops – geleitet von Fachkräften aus verschiedenen Einrichtungen der Stiftung Liebenau – in denen diskutiert wurde und ein reger Austausch von Erfahrungen stattfand. Organisator und Moderator Christoph Gräf (Leiter des Liebenauer Netzwerks Familie), gab zum Abschluss der Fachtagung einen Überblick über die Arbeit der Fachforen, um "den ganzen Blumenstrauß an Hilfen" für junge Menschen mit Intelligenzminderung bei ihrer Identitätsentwicklung deutlich zu machen. 

So früh wie möglich

Mit frühen Hilfen für Eltern und Kinder hatte sich das Forum "Wie soll es jetzt weitergehen?" auseinandergesetzt. Diese müssten laut Workshop-Co-Leiterin Katharina Kraft, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in der St. Lukas-Klinik Liebenau, "so früh wie möglich" einsetzen, idealerweise schon im Kleinkindalter "von null bis drei" Jahren. Dabei spiele die Stärkung der Elternkompetenz eine große Rolle, zudem bedürfe es einer "sehr guten Vernetzung aller Beteiligten", wie Kraft betonte.

In einem familiären Umfeld

Unter dem Titel "Familie tut gut" hatte die St. Gallus-Hilfe ihr Konzept des Betreuten Wohnens in Pflegefamilien vorgestellt. Für die Systemische Familientherapeutin Martina Metzler-Weissenrieder beinhalte dies auch inklusive Aspekte, da den jungen Menschen die Chance geboten werde, sich "in einem normalen familiären Umfeld zu entwickeln." Dort – so die Heilpädagogin – erfahren die Kinder Struktur, Verlässlichkeit und Bildung, aber ebenso Autonomie.

Wie viel Inklusion ist möglich?

Das Thema Inklusion stand auch im Mittelpunkt des von der Koordinatorin des Fachdienst Teilhabe, Doris Hog, geleiteten Forums. Profitieren Kinder mit Teilhabeerschwernissen vom Besuch von Regelkindergarten und -schule? Braucht es hier überhaupt noch ein Sondersystem? Wohin ein Kind komme, sei "zuallererst die Entscheidung der Eltern", meinte Hog, die selbst die Erfahrung gemacht habe: "Inklusion ist in vielen Kindergärten möglich". Mit der unterstützenden Arbeit von Fachkräften in den jeweiligen Einrichtungen sei es gleichwohl nicht getan. Denn: "Die eigentliche Integrationsleistung findet im Alltag statt." In Sachen schulische Inklusion sei man dagegen noch in den Anfängen, auch was die finanziellen Ressourcen angehe: "Es gibt noch keine klaren Strukturen."

Eine gute Beziehung - das A und O

Mit der Frage "Wie viel Spezielles braucht es noch, wie viel Regelhaftes geht?" wandte sich Christoph Gräf dann an Dr. Stefan Thelemann vom Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) Ravensburg, wo unter anderem auch junge Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ausgebildet werden. Gerade bei dieser Klientel spiele der Aufbau persönlicher Bindungen zwischen Jugendlichen und ihren Betreuern, Lehrern und Ausbildern eine bedeutende Rolle: "Eine gute Beziehung ist das A und O", so Dr. Thelemann. Klar sei, dass dies einen hohen personellen Aufwand erfordere: "Mit einem Betreuungsschlüssel von eins zu 20 ist das nicht möglich." Ob denn ein besserer Ausbau der Regelsysteme Sondereinrichtungen wie das BBW überflüssig machen könne? "Ein Wunschtraum", verwies Dr. Thelemann auf die tatsächlichen Gegebenheiten. Zudem werde es immer genug Ausnahmen geben, wo dieser Weg nicht funktioniere: Menschen, die ganz besondere Hilfen benötigen und derart spezielle Bedarfe haben, "die allein durch das Regelsystem nicht gelöst werden können."

Den nötigen Halt vermitteln

Ein Beispiel, wie junge Menschen auch in einer Sondereinrichtung gut auf das "richtige" Leben draußen vorbereitet werden können, brachte Heilpädagoge Stephan Becker aus seinem Workshop mit. Auf die an einen ehemaligen Heimbewohner gerichtete Frage, was ihm am meisten geholfen habe, habe dieser geantwortet: "Enge Regeln, enge Grenzen." So könnten befristete stationäre Hilfen den Jugendlichen den nötigen Halt vermitteln und sie quasi "wieder auf den Boden zurück holen".

Ruhe, Schutz und Rückzug

Konkrete Fallbeispiele wurden auch im Fachforum der St. Lukas-Klinik diskutiert, das den Beitrag der Kinder- und Jugendpsychiatrie bei der Bewältigung von Krisen beleuchtete. Auslöser für solche Situationen seien oft zu hoch gesteckte Ziele, wie Stefan Meir, Leitender Psychologe der Psychiatrischen Institutsambulanz der St. Lukas-Klinik, erläuterte. Hierbei könne die Psychiatrie – sei es ambulant oder auch stationär – einen Platz für Rückzug und Ruhe bieten und die Betroffenen gegebenenfalls auch vor sich selbst schützen.

Menschen nicht alleine lassen

Bei allen Hilfen – so das Schlusswort von Christoph Gräf – gehe es letztendlich in erster Linie darum, "die Menschen nicht alleine zu lassen" und den Betroffenen die Gewissheit zu geben, "dass es auch in der Krise immer noch Systeme gibt, die für einen da sind."

 

Bilanz der Fachforen

Reges Interesse auf dem Fachforum zur Identitätsentwicklung
Reges Interesse auf dem Fachforum zur Identitätsentwicklung

Weitere Informationen

Den Vortrag von Prof. Dr. Andreas Lange (Hochschule Ravensburg-Weingarten, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege) können Sie hier als pdf herunterladen.

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